Der Arzt und der Autor

Was geschieht, wenn ein Arzt einen Patienten nicht nur untersucht, sondern ihn sieht? Dieses Kapitel ist kein Auszug aus meinem Buch – es ist ein echtes Erlebnis.
Eine Begegnung, die mich verändert hat. Und die zeigt, wie sehr das Leben selbst manchmal der beste Erzähler ist. Ich möchte diesen Moment teilen – nicht als Werbung, sondern als Einladung. So schreibe ich. So fühle ich. So bin ich.

Es begann nicht mit einem Gespräch über Bücher.
Es begann mit Kaffee. Ich war gerade aus meinem Zimmer gekommen, frisch nach der Entlassungsuntersuchung.
Der Arzt war kurz zuvor bei mir gewesen – sachlich, freundlich, professionell. „Sie können morgen nach Hause. Ich muss Sie nicht mehr sehen.“
Ein klarer Satz. Kein großes Gespräch. Kein Abschied mit Tiefgang. Einfach die nüchterne Sprache der Medizin.
Fünf Minuten später stand ich in dem kleinen Raum auf der Station – eine Art Mini-Cafeteria, mit Snacks, Getränken, einer Kaffeemaschine.
Und da stand er. Wieder.
Der Arzt. Mit einem Becher in der Hand.
Ich musste lächeln.
„Witzig“, sagte ich. „Ich habe genau dieselbe Kaffeemaschine bei mir.“ Er schaute mich überrascht an.
„Echt?“
„Ja – bei mir im Hotel.“
Er wurde neugierig. Wir kamen ins Reden. Über Kaffee. Über Bohnen. Über Wasserqualität. Zwei Männer, die kurz über das Leben zwischen den Zeilen sprechen – nicht geplant, nicht gekünstelt, sondern einfach so.
Dann fragte er:
„Wohnen Sie in einem Hotel?“
Ich nickte.
„Ich lebe dort. Ich leite zwei kleine Häuser – aber ich wohne dort auch. Es war nicht immer so.“
Er sagte nichts, aber ich merkte, dass er nicht nur höflich fragte. Und irgendwie sagte ich dann, ganz offen: „Ich habe im letzten Jahr 18 Kilo abgenommen. Trennung. Beziehung auseinandergegangen. Es war eine heftige Zeit.“ Er schaute mich an. Kein Mitleid, kein vorschnelles Urteil. Nur Aufmerksamkeit.
Dann fragte er: „Und was machen Sie beruflich?“
Ich antwortete: „Ich führe die Hotels. Aber… ich habe im letzten Jahr begonnen, ein Buch zu schreiben.“ Jetzt war er wirklich bei mir. Kein Smalltalk mehr. Kein Arzt-Patient-Rahmen. Nur zwei Menschen im Gespräch.
„Ein Buch? Worüber?“
Ich erzählte es ihm. Ganz ruhig.
Von der Trennung. Vom Schmerz.
Vom Aufwachen nach 27 Jahren in einer Beziehung, die mich langsam ausgehöhlt hatte. Vom Weg zurück zu mir, meiner Kindheit, meinem Analytiker, vom Schreiben.
„Wer liest das gegen?“, fragte er. Ich erklärte es. Dass ich diesen Weg ernst nehme. Dass ich begleitet werde. Dass ich schreibe, um zu berühren – nicht um zu glänzen.
Und dann kam dieser Satz. Ganz still, ganz echt:

„Bitte, Herr Rottenbach… schicken Sie mir ein Exemplar. Ich würde das wirklich gerne lesen.“
Ich war kurz sprachlos. Denn dieser Mann, ein Arzt mit viel Verantwortung und Erfahrung an einem Klinikum, den ich an diesem Ort begegnet bin – er war nicht nur interessiert. Er war berührt.
Und das ist selten. Ich mache seit 30 Jahren Hotellerie. Ich habe viele Menschen gesehen. Viele, die reden, aber nicht hören. Viele, die fragen, aber nicht fühlen.
Aber dieser Arzt – dieser Mann – hat mich beeindruckt. Ehrlich. Still. Klar.
Vielleicht ist genau das der Raum, in den mein Buch hineinwirken soll. Nicht auf eine Bühne. Sondern in die Tiefe. Zu denen, die gerade aufwachen. Die verletzt sind. Die fragen.
Vielleicht, ja vielleicht, ist dieser Kaffeeautomat auf Station 5C die unscheinbare Tür zu einem ganz neuen Raum. Und vielleicht wartet dort schon jemand – der mich noch nicht kennt, aber mein Buch brauchen wird.